Dienstag, 8. August 2017

Eine kleine Geschichte des Rosenkranzes

Königin des hochheiligen Rosenkranzes, bitte für uns!

In der Dominikanerkirche von Cinguli in den italienischen Marken gibt es ein beühmtes Gemälde von Lorenzo Lotto (1480-1556). Das Bild zeigt den heiligen Dominikus, begleitet vom heiligen Thomas von Aquin und der heiligen Maria Magdalena; überragt wird die ganze Gruppe von einer riesigen Rosette mit fünfzehn Medaillons, deren jedes ein Geheimnis des Lebens Christi und Mariens enthält, das im Rosenkranz vorkommt. In diesem Rosenkranz ist das Endergebnis - nicht der Ursprung - einer Andachtsform zu sehen, die derjenigen ähnelt, welche im christlichen Volk lebendig geblieben ist.

Bestimmt haben die ersten Brüder und Dominikus selbst Gefallen daran gefunden, kniend das Ave Maria zu beten. Der Brauch geht ins 11. Jahrhundert zurück. Damals wiederholte man nur den Englischen Gruß, die Worte des Engels bei der Verkündigung (Lk 1,28). Im folgenden Jahrhundert kommt der Ausruf Elisabeths bei der Heimsuchung (Lk 1,42) hinzu. Man umkränzt diese Verse mit Frömmigkeitsübungen. Jordan von Sachsen betete hintereinander das Magnifikat und vier Psalmen, deren Anfangsbuchstaben den Namen Maria ergaben. Jeweils am Ende der biblischen Gebete schloß er das Ave Maria an und machte eine Kniebeuge, wie man es den Engel auf den alten Bildern der Verkündigung tun sieht. Wenig später wird von König Ludwig dem Heiligen dasselbe berichtet.

Die Bestimmungen der Generalkapitel schreiben ab 1266 den Laienbrüdern vor, jedem der Pater noster, die für sie das Chorgebet ersetzten, den Mariengruß beizufügen. So kam allenthalben der Gebrauch von Rosenkränzen auf, damals Paternosterschnüre genannt. Mit ihnen ließ sich die Zahl der heiligen Formeln, an die man gehalten war, bequem abzählen. Die Mehrzahl der großen Religionen kennt solche Zählschnüre als Hilfsmittel für fromme Übungen. In Angleichung an die hundertfünfzig Psalmen Davids schrieb man drei Vater-unser-Fünfziger vor. Sie sollten denen, die nicht lesen konnten, den Zugang zum Gebet Jesu Christi selber auftun.


Madonna del Rosario, um 1539, Lorenzo Lotto, S. Domenico, Cingoli

Daran angelehnt entwickelt sich im dreizehnten Jahrhundert der sogenannte "Marienpsalter". Er setzt sich aus hundertfünfzig "Gegrüßet seist du, Maria" zusammen. Da diese Andachtsform häufig wiederholt wird, nimmt sie schließlich den Rhythmus des Ein- und Ausatmens an und erinnert an das ostkirchliche Jesusgebet, das später den Grund für die hesychastische Tradition abgegeben hat. Tatsächlich wird nach dem mittelalterlichen Chronisten Bernhard Gui folgendes vom seligen Romaeus von Livia, einem der Gefährten des heiligen Dominikus, der 1223 Prior von Lyon und danach Provinzial der Provence war, berichtet: Er habe bei seinem Tod die Knotenschnur, mit der er täglich tausend Ave Maria betete und zählte, fest mir den Fingern umklammert. Die Historiker haben darin eines der frühesten schriftlichen Zeugnisse für eine Vorform unseres heutigen Rosenkranzes erblickt.

Die Nonnenviten aus dem Umkreis der Deutschen Mystik im vierzehnten Jahrhundert belegen, daß man sich am häufigsten an die goldene Zahl von drei Fünfzigern hielt. Jeder Fünfziger bildete einen Kranz von Rosen oder eine kleine Haube, mit denen man die Marienstatue bekrönte. Da die Brüder bei ihrem Beten spontan die Tugenden der Jungfrau Maria aneinanderreihten (..), kam man darauf, die Geheimnisse des Lebens Unserer Lieben Frau methodischer und auch theologischer aufzuzählen.

Unter dem Einfluß der Kartäuser, insbesondere des Dominikus von Preußen, wird der Weg zu einer durchdachteren und ausgefeilteren Ordnung des Gebetes im Geist der devotio moderna eingeschlagen. Dominikus von Preußen führte am Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts von seinem Kloser in Trier aus Klauseln ein, die man mitten im Ave Maria beifügte. Dadurch sollten Geist und Herz des Beters auf die Betrachtung des göttlichen Heilsplanes hingelenkt werden. Entsprechend dem Geschmack jener spätmittelalterlichen Frömmigkeit, die gerne zählt und am Buchstaben hängt, bezieht man die fünfzehn Freuden und die von Simeon geweissagten sieben Schmerzen der Jungfrau Maria ein (Lk 2,35). (...)
Alanus von Rupe (1428-1475), ein bretonischer Dominikaner im Ruf der Heiligkeit, hat den Rosenkranz unter das Volk gebracht. Er verbreitete die Andacht des Marienpsalters in Nordfrankreich und Flandern. Überall errichtete er Rosenkranzbruderschaften. Sie waren für alle jene Menschen gedacht, die in einer Zeit der Kriege, Hungersnöte und Spaltungen Ablässe begehrten, um "sich vor dem jähen Tod und den bösen Angriffen des höllischen Feindes zu schützen".
Was hat der heilige Dominkus damit zu schaffen. Allem Anschein nach war es gerade der selige Alanus von Rupe, der in seinem Eifer, den Rosenkranz zu verbreiten, dessen Erfindung dem Erzvater seines Ordens zuschreiben wollte. Dabei bezog er sich auf - zugegebenermaßen etwas ungenaue - Erzählungen. (...)
Die Quelle dieser Legenden scheint ziemlich sicher im Rosarium zu liegen, einem langen Mariengedicht, das ein Dominikaner um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts verfaßt hat. Möglicherweise hat man Dominikus von Guzman und den schon erwähnten Dominikus Helion von Preußen verwechselt. Es mangelt daher völlig an Belegen, um dem Stifter des Predigerordens die Erfindung der frommen in ihrer Schlichtheit genialen marianischen Gebetsweise zuzuschreiben.



Die fünfzehn Geheimnisse des Rosenkranzes

Dennoch wird niemand die besondere Beziehung zwischen dem Orden des heiligen Dominikus und dem Rosenkranz leugnen, die im Verlauf der Jahrhunderte gewachsen ist. Ein Dominikaner ist es, noch dazu ein Inquisitor, auf den man die Einteilung in die freudenreichen, schmerzhaften und glorreichen Geheimnisse zurückführt: Jakob Sprenger (1436-1496), der angebliche Mitverfasser des Hexenhammers, aber auch der Gründer der Rosenkranzbruderschaft von Köln.

Die Frömmigkeit ganzer Generationen war von diesem Rhythmus der fünfzehn Gesätze getragen. In weiser Einsicht machte man aus dem Rosenkranz keine Sonderandacht, vielmehr ein echtes Gebet der Kirche. Papst Pius V., ein asketischer und frommer Dominikaner, schrieb den Sieg von Lepanto, wo Don Juan d´Austria 1571 dem Vordringen der Türken nach Europa Einhalt geboten hatte, dem Rosenkranzgebet zu. Es waren, wie der Senat von Venedig schriftlich festhielt, nicht die Tapferkeit noch die Waffen und Heerführer, due uns den Sieg verschafften, sondern "Maria vom Rosenkranz". Sie wurde nun unter dem Namen "Unsere Frau vom Siege" gefeiert.

Denken wir daran, daß die Dominikaner den Rosenkranz wie die Kartäusermänche am Gürtel ihres Habits tragen und daß Generationen von Predigerbrüdern sich einem volkstümlichen Apostolat inmitten der als "Volk Gottes" verstandenen Kirche gewidmet haben, lange bevor man diese Sicht in ihrem Wert erkannte. In Anbetracht dessen kann man sich ausmalen, was die Menschen des Mittelalters sagen wollten, als sie die Erfindung des Rosenkranzes vom heiligen Dominikus herleiteten. In ihrer poetischen Weise wollten sie damit die Macht des Gebetes, auf die der Gründer der Prediger so sehr vertraute, und die Rolle Mariens in der Heilsgeschichte betonen.

(aus. Guy Bedouelle, Dominikus, übersetzt von Hilarius M. Barth O.P, 256ff)

Als unser Meister,
Führer und Gefährte
gingst du voran uns
auf dem Weg zu Christus,
weil du erfülltest,
was dein Name sagte: 
dem Herrn gehörend.

Was lange reifte
in Gebet und Stille,
was du erkanntest
dank der Geistesmühe,
brach in der Stunde,
als der Irrtum drohte,
leuchtend durchs Dunkel.

Mit Leib und Seele
widmest du dein Leben
dem Dienst der Predigt,
arm wie die Apostel.
Du sprichst mit Gott nur
oder von ihm kündend,
Worte des Segens.

Nächte durchwachst du,
unablässig flehend;
Tränen vergißt du
für das Heil der Sünder,
sehnst dich voll Liebe,
deinen Gott zu schauen
im Brot des Himmels.

Auf allen Wegen
singst du froh und heiter
das Lob der Jungfrau
und dem Geiste Hymnen.
Eins blieb dir übrig,
ganz im Tod zu werden
Weizenkorn Gottes.

Ehre dem Vater,
Schöpfer aller Dinge,
Ehre dem Sohne,
der die Welt errettet,
Ehre dem Geiste,
der den Herzen einhaucht
Liebe und Wahrheit. Amen.

(Hymnus zur Vesper vom hl. Dominikus,
Proprium des Predigerordens, 501f)

Madonna vom Rosenkranz, Dominikanerkirche, Cingoli

1 Kommentar:

  1. Wiederum schönen Dank für den Beitrag. - Seit längerem schon bin ich an einer Arbeit zur Herkunft des Rosenkranzes beschäftigt. Dabei vor allem an der Tradition, die aus dem Kartäuserorden kommt. Eine umfangreiche und spannende Geschichte. Ebenso auch die wirkliche geistliche, weil tägliche "handwerkliche Beschäftigung" mit demselben Gebet. Ave Maria. - LG

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